Digitale Zwillinge: Beispiele und Einsatzmöglichkeiten

  • Von Manal Zarik
    • 16 Dez. 2024
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Digitale Zwillinge

In den letzten Jahren haben Digitale Zwillinge in der Wirtschaft enorm an Bedeutung gewonnen. Unternehmen nutzen die datengestützten Erkenntnisse der Digitalen Zwillinge, um Abläufe zu optimieren, Kosten zu senken und ihre Effizienz zu steigern. So ist es kein Wunder, dass sie mittlerweile in verschiedenen Branchen zum Einsatz kommen: von der Fertigung über das Gesundheitswesen und der Stadtplanung bis hin zur Energieversorgung.

In diesem Artikel befassen wir uns mit der Rolle Digitaler Zwillinge in verschiedenen Branchen, zeigen konkrete Anwendungsbeispiele auf und beleuchten sowohl Vorteile als auch Herausforderungen auf Basis wissenschaftlicher Studien.

Definition: Was sind Digitale Zwillinge?

Digitale Zwillinge sind virtuelle Nachbildungen physischer Systeme, Güter oder Prozesse, die in Echtzeit Daten analysieren, simulieren und überwachen können. Indem sie ihre physischen Gegenstücke nachbilden, schaffen Digitale Zwillinge die Grundlage, um präzisere Entscheidungen zu treffen.

Digitale Zwillinge sind nicht nur statische Modelle, sondern dynamische Entitäten, die sich mit dem physischen Objekt oder System, das sie repräsentieren, weiterentwickeln. Die virtuellen Modelle werden durch Daten aus Sensoren, IoT-Geräten und anderen Quellen gespeist und ermöglichen eine kontinuierliche Überwachung und Analyse. Das Konzept stammt ursprünglich aus dem Fertigungssektor, wo es zur Optimierung von Produktdesign und -leistung eingesetzt wurde. Inzwischen haben sich die Anwendungen jedoch auf andere Bereiche ausgeweitet, darunter das Gesundheitswesen, der Energiesektor und die städtische Infrastruktur.

Ein Hauptmerkmal von Digitalen Zwillingen ist ihre Fähigkeit, verschiedene Szenarien zu simulieren und Ergebnisse auf der Basis von Echtzeitdaten vorherzusagen. Dies erlaubt es, verschiedene Lösungsansätze zu prüfen und bewusstere Entscheidungen zu treffen, ohne die mit physischen Experimenten verbundenen Risiken einzugehen.

Digitale Zwillinge

Einsatz von Digitalen Zwillingen: Beispiele aus der Praxis

Während Digitale Zwillinge ursprünglich nur in der Produktion und Fertigung genutzt wurden, kommen sie mittlerweile in den unterschiedlichsten Branchen zum Einsatz.

Fertigung und Industrie 4.0

Digitale Zwillinge stehen im Mittelpunkt der Industrie 4.0, um Produktionsprozesse zu optimieren, Anlagenausfälle vorherzusagen und die Produktqualität zu verbessern. General Electric (GE) setzt sie beispielsweise ein, um die Leistung ihrer Strahltriebwerke zu überwachen, um so die sogenannte vorausschauende Instandhaltung („Predictive Maintenance“) zu ermöglichen und Ausfallzeiten um bis zu 30% zu reduzieren (Tao et al., 2018). Fertigt man zum Beispiel einen Digitalen Zwilling für eine Produktionslinie an, können Hersteller Änderungen der Produktionseinstellungen simulieren, Engpässe erkennen und Arbeitsabläufe in Echtzeit optimieren.

Gesundheitswesen

Im Gesundheitswesen werden Digitale Zwillinge eingesetzt, um personalisierte Behandlungspläne zu erstellen, Krankheitsverläufe zu modellieren und Abläufe im Krankenhaus zu optimieren. Eine Studie von Bruynseels et al. (2018) unterstreicht das Potenzial von Digitalen Zwillingen für die Entwicklung individualisierter Therapieansätze, indem patientenspezifische Reaktionen auf Behandlungen simuliert werden. Mit diesem Ansatz können Ärztinnen und Ärzte die Wirksamkeit verschiedener Therapien vorhersagen und datenbasierte Entscheidungen treffen, was zu besseren Behandlungsergebnissen führt.

Stadtplanung und Smart Cities

Digitale Zwillinge verändern auch die Stadtplanung und Smart-City-Initiativen. Durch die Erstellung Digitaler Nachbildungen ganzer Städte können Stadtplaner den Straßenverkehr, den Energieverbrauch und den Infrastrukturausbau simulieren. Dadurch können Ressourcen effizienter verteilt, öffentliche Dienstleistungen optimiert und die Katastrophenvorsorge verbessert werden. Die Stadt Singapur zum Beispiel hat einen Digitalen Zwilling entwickelt, um das Stadtwachstum zu modellieren und die Flächennutzung zu optimieren, was zu einer nachhaltigeren und effizienteren Stadtentwicklung beiträgt (Batty, 2018).

Energieversorgung

Im Energiesektor werden Digitale Zwillinge eingesetzt, um die Leistung von Kraftwerken zu optimieren, Anlagenausfälle vorherzusagen und die Energieverteilung zu steuern. Betreiber von Energieanlagen können verschiedene Szenarien simulieren, z. B. die Energienachfrage und Netzstabilität überwachen. Eine Studie von Grieves und Vickers (2017) ergab, dass diese Systeme den Energieverbrauch um bis zu 20% senken können, indem sie die Systemleistung optimieren und eine vorausschauende Wartung möglich machen.

Digitale Zwillinge: Vorteile im Überblick

Branchenübergreifend bieten Digitale Zwillinge immense Vorteile für Unternehmen, um effektivere und effizientere Prozesse zu schaffen.

Echtzeit-Überwachung und -Analyse

Digitale Zwillinge bieten die Möglichkeit zur kontinuierlichen Echtzeit-Überwachung physischer Systeme und erlauben es, schnell auf Veränderungen der Leistung, der Nachfrage oder der Rahmenbedingungen zu reagieren. Diese Eigenschaft ist besonders wertvoll in Branchen wie der Fertigungsindustrie und der Energiewirtschaft, wo selbst kleine Störungen erhebliche Folgen haben können.

Predictive Maintenance (Vorausschauende Instandhaltung)

Durch die Analyse von Daten, die mithilfe von Digitalen Zwillingen generiert wurden, können Unternehmen Geräteausfälle vorhersagen und die Wartung proaktiv planen. Dieser Ansatz reduziert Ausfallzeiten, verlängert die Lebensdauer von Anlagen und senkt die Wartungskosten. Eine Studie von Boschert und Rosen (2016) ergab, dass ungeplante Ausfallzeiten in der Industrie um bis zu 50% reduziert werden können.

Optimierte Entscheidungsfindung

Digitale Zwillinge ermöglichen es, unterschiedliche Szenarien zu simulieren und die möglichen Folgen verschiedener Strategien zu bewerten. Dies verringert die mit physischen Experimenten verbundenen Risiken und erlaubt es, treffsichere Entscheidungen zu fällen.

Verbesserte Zusammenarbeit

Digitale Zwillinge erleichtern die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Abteilungen und Akteuren, indem sie eine gemeinsame Echtzeitansicht eines Systems bieten. Dies erleichtert die Kommunikation, Silos werden abgebaut und der Entscheidungsprozess kann besser koordiniert werden. Ein Beispiel: Im Gesundheitswesen kann ein gemeinsam genutztes Modell des Gesundheitszustands eines Patienten erstellt werden, sodass Ärztinnen und Ärzte sowie andere Fachexpertinnen und -experten effektiver zusammenarbeiten können.

Herausforderungen beim Einsatz Digitaler Zwillinge

Trotz ihrer Vorteile ist der Einsatz Digitaler Zwillinge mit einigen Herausforderungen verbunden, die hohe Ressourcen erfordern. 

Datenintegration und -verwaltung

Digitale Zwillinge erfordern große Datenmengen aus verschiedenen Quellen, darunter Sensoren, IoT-Geräte und historische Aufzeichnungen. Die Integration und Verwaltung dieser Daten kann komplex und ressourcenintensiv sein, insbesondere in Bereichen mit veralteten Systemen oder fragmentierten Datenquellen.

Cybersicherheit

Da Digitale Zwillinge auf einem Datenaustausch in Echtzeit beruhen, sind sie anfällig für Cyberangriffe, die die Zuverlässigkeit des Modells und der darauf basierenden Entscheidungen gefährden könnten. Daher sind Investitionen in die IT-Sicherheit von Digitalen Zwillingen unerlässlich, um Datenpannen zu verhindern.

Hohe Umsetzungskosten

Die Entwicklung und der Einsatz von Digitalen Zwillingen können kostspielig sein, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Dies kann bedeuten, dass nur größere Konzerne von der Technologie Gebrauch machen können.

Technische Komplexität

Die Entwicklung und Wartung von Digitalen Zwillingen erfordert spezielle Fähigkeiten in Bereichen wie der Datenanalyse, Modellierung und Simulation. Diese technische Komplexität kann für Unternehmen, die nicht über das notwendige Fachwissen oder die erforderlichen Ressourcen verfügen, eine Herausforderung darstellen.

Die Zukunft von Digitalen Zwillingen: Was kommt als nächstes?

Im Zuge des technologischen Fortschritts dürften Digitale Zwillinge immer ausgefeilter und für immer mehr Gruppen zugänglicher werden. Die Integration von digitalen Zwillingen mit aufkommenden Technologien wie Künstlicher Intelligenz (KI), maschinellem Lernen und dem Internet der Dinge (IoT) wird ihre Fähigkeiten weiter verbessern und neue Möglichkeiten für Innovationen schaffen. So könnten KI-gestützte Digitale Zwillinge in Zukunft beispielsweise autonome Entscheidungen treffen, indem sie kontinuierlich aus Echtzeitdaten lernen und die Leistungsfähigkeit von Systemen automatisch optimieren – ohne, dass menschliches Handeln notwendig wäre. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Digitale Zwillinge ein leistungsstarkes Instrument in unterschiedlichen Branchen sind. Indem sie Echtzeit-Einsichten, Vorhersagen und Möglichkeiten zur kollaborativen Zusammenarbeit bieten, ermöglichen sie es Unternehmen, fundiertere, datengesteuerte Entscheidungen zu treffen. Auch wenn es noch Herausforderungen gibt, verspricht die fortlaufende Entwicklung dieser Technologie neue Möglichkeiten für Innovation, Effizienz und Zusammenarbeit im digitalen Zeitalter.

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Quellen:

  • Batty, M. (2018). Digital twins: Virtual models for urban planning. Urban Studies Journal, 55(4), 791-806. 
  • Boschert, S., & Rosen, R. (2016). Digital twin—The simulation aspect. In Mechatronic Futures (pp. 59-74). Springer, Cham. 
  • Bruynseels, K., Santoni de Sio, F., & van den Hoven, J. (2018). Digital twins in healthcare: Ethical implications of an emerging engineering paradigm. Frontiers in Genetics, 9, 31. 
  • Grieves, M., & Vickers, J. (2017). Digital twin: Mitigating unpredictable, undesirable emergent behavior in complex systems. In Transdisciplinary Perspectives on Complex Systems (pp. 85-113). Springer, Cham. 
  • Tao, F., Zhang, H., Liu, A., & Nee, A. Y. (2018). Digital twin in industry: State-of-the-art. IEEE Transactions on Industrial Informatics, 15(4), 2405-2415. 

Autor/-in

Manal Zarik
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