2022 ist das Internationale Jahr der Grundlagenforschung für nachhaltige Entwicklung

13-06-2022

Von Konrad Kirchbihler

Nachdem sich die UNESCO-Generalkonferenz 2019 dafür ausgesprochen hatte, die Bedeutung der Grundlagenforschung durch ein internationales Jahr zu ehren, folgte die Generalversammlung der Vereinten Nationen der Empfehlung und erklärte das Jahr 2022 zum „Internationalen Jahr der Grundlagenforschung für nachhaltige Entwicklung“.

Als Albert Einstein die Relativitätstheorie entwickelte, hatte er sicherlich nicht an die Navigation mittels GPS-Satelliten als Anwendung gedacht. Denn ohne Kenntnis der Speziellen und Allgemeinen Relativitätstheorie würden Navigationssysteme heute nicht funktionieren.
Ausgeschlossen ist wohl auch, dass James Clerk Maxwell und Heinrich Hertz im 19. Jahrhundert eine Vorstellung davon hatten, wie man elektromagnetische Wellen dazu verwenden könnte, eine Videokonferenz am Smartphone über Kontinente hinweg zu führen. Allerdings sollte es noch mehrere Jahrzehnte dauern, bis die formulierten und bestätigten Theorien eine Anwendung fanden.

Was ist eigentlich Grundlagenforschung?

Primär dient die Grundlagenforschung der Erweiterung des Wissens sowie einem besseren Verständnis von Natur und Umwelt. Dieses Verständnis ist essentiell um Zusammenhänge besser erkennen und der Verbreitung von falschen Informationen entgegenwirken zu können.

Grundlagenforschung besteht aus experimentellen und/oder theoretischen Arbeiten, deren Hauptzweck darin besteht, neue Erkenntnisse über grundlegende Phänomene und wahrnehmbare Tatsachen zu gewinnen, jedoch nicht unbedingt auf eine bestimmte Anwendung oder Nutzung abzielen. In der Grundlagenforschung werden Eigenschaften, Strukturen und Zusammenhänge analysiert, um Hypothesen, Theorien oder Gesetzmäßigkeiten formulieren und überprüfen zu können. Die Ergebnisse der Grundlagenforschung werden in der Regel nicht kommerziell genutzt, sondern in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht oder an interessierte Kollegen weitergegeben. Dies erfolgt oftmals in enger Kooperation mit nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen, als auch Industriepartnern. Dadurch werden (internationale) Beziehungen gestärkt und aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen können neue Ansätze in der Forschung etabliert werden.

Man unterscheidet zwei Kategorien von Grundlagenforschung:

  • reine Grundlagenforschung wird zur Erweiterung des Kenntnisstandes durchgeführt, ohne dabei auf einen langfristigen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Nutzen hinzuarbeiten und aktiv zu versuchen, die Ergebnisse auf praktische Probleme anzuwenden oder sie, in für ihre Anwendung verantwortliche Bereiche, zu übertragen;
  • anwendungsorientierte Grundlagenforschung wird in der Erwartung durchgeführt, eine breite Wissensgrundlage zu schaffen, die wahrscheinlich einen Hintergrund für die Lösung bestehender oder erwarteter zukünftiger Probleme bietet oder Optionen eröffnen wird;

Grundlagenforschung ist Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg

Nach wie vor ist der Zusammenhang zwischen Grundlagenforschung und einer gesunden Ökonomie nicht für jedermann nachvollziehbar. Oft hört man das vorschnelle Urteil, Grundlagenforschung sei ein Luxus, auf den man verzichten könne, wenn die wirtschaftliche Lage es zulässt. Dabei wird die Grundlagenforschung oft als nutzlos bezeichnet und als eine Verschwendung von Steuergeldern dargestellt. Das ist ein Irrtum! Eine reduzierende Stellung der Grundlagenforschung, die sich in nicht ausreichender finanzieller Unterstützung und mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung  für die Wissenschaft niederschlägt, ist recht kurzsichtig. Ein solches Handeln deutet darauf hin, dass die Bedeutung der Grundlagenforschung noch nicht richtig erfasst wurde, denn eine moderne Zivilisation braucht Grundlagenforschung. Sie ist eine der Säulen der Gesellschaft: 1. Sie schafft unmittelbar Arbeitsplätze, nämlich für Wissenschaftler*innen sowie das technische Personal und den zugehörigen Verwaltungsapparat. 2. Grundlagenforschung sichert langfristige Entwicklung und Fortschritt, weil sie sozusagen das „Zugtier“ für andere Wissenschaften und Technologien ist. 3. Die daraus resultierende Wissensgrundlage treibt innovative Ideen voran, was sich in der Gründung diverser Start-ups widerspiegelt. Auch dadurch werden u.a. wieder mehr Arbeitsplätze geschaffen und neue Produkte, welche der Marktnachfrage entsprechen, hervorgebracht.

Mit anderen Worten: Eine Reduktion oder gar Verzicht der Grundlagenforschung führt langfristig in wirtschaftliche Stagnation und Rezession.

Hoher Stellenwert für die nachhaltige Entwicklung

Auch die Corona-Pandemie verdeutlicht, wie hoch der Stellenwert der Grundlagenforschung ist und wie sehr die Menschheit darauf angewiesen ist. Besonders die momentane weltweite Situation und deren Verlauf würde, ohne die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Grundlagenforschung, einen wesentlich dramatischeren Ausgang nehmen. Dass ein Virus eine Infektion verursacht und wie die Gensequenzen dieses Virus aussehen, wissen wir nur durch jahrhundertelange Forschung. Die Grundlagenforschung liefert auch die Basis für die Entwicklung von Diagnostika, Therapeutika und Impfstoffen, welche jetzt bei der Bekämpfung der Pandemie eine essentielle Rolle spielen. Dies wiederum verdeutlicht den Stellenwert der Grundlagenforschung für die Menschheit. Um dieser Tatsache mehr Gewicht zu verleihen, haben die Vereinten Nationen auf Ihrer Generalversammlung im vergangenen Dezember das Jahr 2022 zum „Internationalen Jahr der Grundlagenforschung für nachhaltige Entwicklung“ erklärt. Die UN betonten in Ihrem Beschluss, dass „Anwendungen der Grundlagenwissenschaften für Fortschritte in Medizin, Industrie, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Energieplanung, Umwelt, Kommunikation und Kultur von entscheidender Bedeutung sind“. Zusätzlich würde die Grundlagenforschung maßgeblich zur Erreichung der Agenda 2030 beitragen, die auf eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung in den kommenden Jahren  abzielt. Der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon versprach bei der Verabschiedung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, dass diese die Welt bis 2030 „zum Besseren transformieren sollen“. Sie bilden das Herzstück der Agenda. Dabei handelt es sich um ein Zusammenspiel von nötigen Lösungsansätzen, um Probleme, welche die gesamte Weltbevölkerung betreffen, aufzuheben.  Dazu gehören die Bekämpfung extremer Armut und die Gewährleistung der Ernährungssicherheit, als auch der Gesundheits- und Trinkwasserversorgung weltweit. Besonders wichtig ist hierbei das Thema Nachhaltigkeit, um dem Klimawandel entgegen zu wirken. Dementsprechend  wird der Fokus auf erneuerbare Energien, den nachhaltigen Aufbau von Städten, Infrastrukturen und Wirtschaft und eine Schonung der Ressourcen gelegt. Dazu zählen sowohl die Land- als auch die Meeresressourcen, um die biologische Vielfalt erhalten zu können. Weiterhin ist es notwendig, Bildung für alle zugänglich zu machen und zu fördern und auch eine Gleichstellung der Geschlechter ohne Diskriminierung anzustreben. Die Bildung von internationalen Partnerschaften, die Bekämpfung aller Ungleichheiten und das Erreichen eines friedlichen Miteinanders sind weitere Ziele  für die nachhaltige Entwicklung. Nur dann können auch die zukünftigen Nachwuchs-WissenschaftlerInnen heranwachsen, welche die Problemlösungen wieder vorantreiben. Die Grundlagenwissenschaften nehmen dabei eine essentielle Rolle ein, um die Umsetzung der Ziele der Agenda 2030 zu ermöglichen.

Ein Jahr lang weltweit Veranstaltungen und Aktivitäten

Das Internationale Jahr der Grundlagenforschung für nachhaltige Entwicklung wird offiziell mit einer Konferenz vom 30. Juni bis 1. Juli 2022 in Paris eröffnet. Auf der ganzen Welt werden anschließend ein Jahr lang Veranstaltungen und Aktivitäten stattfinden, um die Beziehung zwischen Grundlagenwissenschaften und den 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung zu verdeutlichen und zu verbessern.

Unser/e Autor/in

Beratung für innovative Unternehmen, FuE Projektförderung, Forschungszulage und ZIM

Konrad Kirchbihler

Business Development Manager

Dr. Petra Schuhmann

Junior Consultant